Osterbrief, Aschermittwoch

Digitale Bibliothek: Friedensethische Positionen der Kirchen

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Quelle: Österreichisches Militärbischofsamt, abgedruckt in: Hirtenbriefe 2001 aus Österreich, Deutschland und der Schweiz. Herausgegeben vom Institut für kirchliche Zeitgeschichte, Salzburg 2003, 353-356

2001-02-28 - Wien
Österreichisches Militärordinariat
- Werner, Christian, Militärbischof
Osterbrief, Aschermittwoch

Liebe Freunde, Kameraden!
„Tu adesto!" - „Sei du dabei, mein Gott!"
Wenn die Soldaten im Mittelalter in den Krieg zogen, dann hatten viele von ihnen dieses Stoßgebet auf ihren Lippen: „Tu adesto!"
Wenn ich in der österlichen Bußzeit dieses Gebet an den Beginn meines Briefes stelle, dann tue ich das deswegen, weil gerade uns Soldaten dieses Beisein Gottes von Christus zugesagt ist.
Erinnern wir uns nur an die innigen Begegnungen Jesu oder seiner Apostel mit vielen Soldaten (Hauptmann von Kapharnaum, Hauptmann Cornelius ...) oder an die unzähligen Soldatenheiligen (Georg, Mauritius, Sebastian ...); alle waren erfüllt vom „Beisein Gottes", dem Gott des Friedens.
Die österliche Bußzeit ist uns geschenkt als Vorbereitung auf das Größte, was Gott uns schenken kann, nämlich seinen Frieden, seine Versöhnung.
„Der Friede sei mit euch!" so der Gruß des Auferstandenen.
So möchte ich am Beginn des neuen Jahrtausends meine Botschaft an Euch, liebe Heeresangehörige, ausrichten an der Botschaft des Papstes zum Weltfriedenstag 2001: Dialog als Friedensdienst! (genau übersetzt: Dialog zwischen den Kulturen für eine Zivilisation der Liebe und des Friedens").
Einen Dialog zu führen hat vieles gemeinsam mit Pionierdienst, mit dem Brückenbau. Und eigentlich sind wir alle in diesem Sinn Pioniere, Brückenbauer.
In kirchlicher Sprache wird der Priester auch Pontifex genannt, d. h. übersetzt Brückenbauer. Seine Aufgabe ist, zu allererst Brücken zu bauen vom Menschen zu Gott. Diesen Brückenbau, diesen Dialog, nennen wir „Gebet", d. h. Rede mit Gott.
Wer in diesem Dialog steht, ist auch fähig, in den Dialog mit den Menschen zu treten, Brücken zu bauen vom Ich zum Du.
Wir Soldaten müssen für den Friedensdienst von einem solchen Pioniergeist erfüllt sein, Menschen des Dialogs sein.
Wer im Gespräch mit Gott steht, hat den Menschen dann auch etwas zu sagen und schafft Beziehungen unter den Menschen. Natürlich soll jeder auf seinem Standpunkt stehen, muß überzeugt von seinen Glaubenswahrheiten sein, aber er darf nicht auf seinem Standpunkt sitzen. Die Brücke dehnt sich von einem Ufer zum anderen hin, vom Ich zum Du im Dialog.
Dabei geht es zunächst darum, den anderen Menschen anzunehmen wie er ist: nur so kann er mein Gesprächspartner werden, kann er Raum bekommen in mir.
Wenn das geschieht, wird er Korrektur annehmen, sogar Härte, ja Strenge ertragen können und als Hilfe empfinden.
Die unvorstellbare Kraft Jesu, Menschen zu verwandeln und zu heilen, kommt aus seiner unerschöpflichen Liebe, mit der er sie anzunehmen vermochte wie sie waren.
Den anderen annehmen beginnt in unserer nächsten Umgebung, zu Hause, unter den Kameraden und Mitarbeitern, im täglichen Umgang mit den Menschen.
Wenn uns das gelingt, dann gelingt es auch bei anderen Kulturen und Völkern, wo wir zum Friedensdienst eingesetzt sind.
Dieser Brückenbau wird uns immer besser gelingen, je intakter unsere Brücke zu Gott ist.
Noch ein wichtiger Gedanke:
Eine Brücke ist über einen Fluß, über ein Tal, über einen Abgrund gespannt.
Wer Spannung nicht durchzutragen vermag, ist zum Brückenbau ungeeignet. Er ist dialog-unfähig. Bleibe ich nur auf dem einen Ufer, ist es nicht möglich, eine Brücke zu bauen. Es gehört zum Wesen der Brücke, daß sie in Spannung steht.
Jesus hängt am Kreuz auf Golgatha in der Mitte: nicht am Kreuz des rechten Schächers - er ist kein Rechter! Und er hängt auch nicht am Kreuz des linken Schachers - er ist kein Linker!
Er hängt am Kreuz in der Mitte. In der Mitte ist die Spannung am größten. Aber sie überbrückt links und rechts. Sie vereinigt die Gegensätze.
Dazu braucht der Pionier oder der Pontifex, d. h. der Brückenbauer, die Fähigkeit, sich in die Lage des anderen zu versetzen: dazu braucht es Einfühlungsvermögen, Menschenkenntnis, innere Größe und vor allem Liebe.
Erst dann kann der Brückenbauer erkennen, was wirklich fehlt, und der andere kommt immer mehr in die Lage, seine Situation mit anderen Augen zu sehen. Und es wird Vertrauen möglich für neue Ansichten und Wege. Das wäre wahrer Friedensdienst!
Ist dies nicht die Art und Weise wie unsere Soldaten z. B. im Kosovo versuchen, dem Frieden eine Chance zu geben?
Es geht um eine Atmosphäre der Achtung, des „Sich mit dem anderen identifizieren", um so eine Atmosphäre des Verstehens und damit des Friedens zu schaffen.
Wichtig ist es auch zu beachten: eine Brücke muß belastungsfähig sein! Auf einer Brücke „trampelt jeder herum". Der Dialog ist oft sehr schwer, weil er nicht zum gewünschten Ergebnis kommt. Aber zu diesem Dialog gibt es keine andere Alternative, außer dass geschossen wird.
Natürlich gibt es Extremsituationen, in denen es gilt „dem Bösen zu wehren", Schutz und Hilfe anzubieten, um Grausamkeiten zu stoppen, wenn notwendig auch mit der Waffe.
Aber immer wieder muß der „Dialog des Friedens" gesucht werden. Deswegen sind ja unsere Soldaten in Südosteuropa eingesetzt, um die äußeren Bedingungen dafür zu schaffen, daß die Parteien, die Kulturen und die Volksgruppen wieder miteinander sprechen, daß Verhandlungen möglich sind.
Hier ist eine wirkliche Tapferkeit des Herzens nötig, damit man nicht aufgibt. Tapferkeit ist aber eine sogenannte „Kardinaltugend", d. h. eine Gabe, die Gott dem Menschen verleiht.
Und diese Gabe bedeutet nicht, sich besser zu fühlen, sondern mitzufühlen, mitzuleiden - auch im Bewußtsein unserer eigenen Schwächen und Sündhaftigkeit.
Vergessen wir dabei nie: auch bei diesem dialogischen Friedensdienst bekommen wir eine große Macht in die Hand.
Alles Vertrauen, das uns entgegengebracht wird, ist eine wirkliche Macht, die in unsere Hände gelegt wird. Die Versuchung, sie zu mißbrauchen, ist groß.
Alle Versuchungen Jesu zielen darauf hin, ihn zum Mißbrauch seiner Macht zu verleiten.
Bei uns Menschen erleben wir Ähnliches im Kleinen wie im Großen.
Wie leicht ist es, einen Menschen an sich zu binden, dem man geholfen hat. Und wie schwer ist es manchmal, Menschen zu helfen, weil sie diese Bindung und Abhängigkeit zu furchten gelernt haben.
Jesus selbst hat nie gesagt: „Bleib mir nah, denn ich habe dir geholfen!", sondern er sagte immer nur: „Gehe hin, dein Glaube hat dir geholfen und sündige nicht mehr!"
Sein Ziel war es, Menschen frei zu setzen für ihren eigenen Weg zu Gott und zu den Menschen. Er wollte sie nicht an sich binden, sondern an Gott, wo allein der Mensch die volle Freiheit findet.
Liebe Soldaten, liebe Heeresangehörige!
Eine Brücke muß tragfähig und belastungsfähig sein, darum gehört Gott zu den tragenden Pfeilern dieser Brücke.
Gott ist ein „Gott des Dialogs", des Gesprächs mit den Menschen, ein Gott, der uns durch seinen Sohn Erlösung und Frieden gebracht hat.
Wenn wir uns diesem „Geist des Friedens" öffnen - er ist das große österliche Geschenk -, dann werden wir wahre Friedensbringer, Diener des Friedens, sein.
Eigentlich müßte jede Kaserne ein Exerzierplatz für den „Dialog des Friedens" sein. Es lohnt sich zu üben, denn es ist eine wahrlich große Aufgabe, den Menschen zum Frieden zu verhelfen.
In diesem Sinne wünsche ich uns allen eine österliche Vorbereitungszeit im Geist der Umkehr (der Hinkehr zu Gott), die Erfahrung der Kraft seines Friedensgeistes, ein Ostern in unseren Herzen für unseren Dienst am Frieden und ich sage aufrichtigen Dank für Euren vorbildlichen Einsatz.
Wien, Aschermittwoch 2001

Mag. Christian Werner Militärbischof von Österreich