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Militärseelsorge in der Literatur: „Der General der toten Armee“

Der General der toten Armee Der General der toten Armee

Von einem italienischen Exhumierungsprojekt in Albanien rund 20 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg erzählt der albanische Schriftsteller Ismail Kadare (*1936) in einem der bedeutendsten Romane der albanischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Er ist 1963 erschienen und wurde u.a. mit Michel Piccoli und Marcello Mastroianni in den Hauptrollen verfilmt.

Ein General der italienischen Armee wurde auserwählt, die Ausgrabung der Gebeine aller während des Krieges in Albanien gefallenen Italiener zu leiten. Ins stolze Bewusstsein, „ein großes Land, eine bedeutende Zivilisation“ (15) zu vertreten, mischt sich bald das beklemmende Gefühl, der Aufgabe nicht gewachsen zu sein.

Die Schroffheit der Gebirgslandschaft, das schlechte Wetter, die Feindseligkeit der lokalen Bevölkerung und der Umgang mit so vielen Toten setzen dem wenig kompetenten, dünkelhaften, aber zugleich sehr empfindsamen General immer mehr zu. Wie ein Kommandant fühlt er sich für seine Toten verantwortlich, stellt sich vor, welche Schlachten er mit ihnen geschlagen hätte.

Begleitet wird der General von einem Priester im Rang eines Obersts, über dessen bisherige Funktion und Position der Leser freilich nichts erfährt und der namenlos bleibt wie der General. Sein souveränes, kühles, wortkarges Auftreten ärgert den General, er sieht sich durch ihn in seiner Autorität bedroht und fühlt sich überwacht oder gar ausspioniert. Im Gegensatz zum General spricht der Priester Albanisch und klärt ihn wiederholt über Land, Gesellschaft und Kultur der Albaner auf. Er versucht den General von unvorsichtigen Aktionen abzuhalten, nicht immer mit Erfolg. Vor allem der spontane Besuch einer Hochzeit in einem Dorf endet in einem Eklat, als eine wütende alte Frau dem General die frisch ausgegrabenen Gebeine von Oberst Z. aushändigt und behauptet, sie habe ihn getötet, nachdem ihr Mann von seinen Truppen, dem berüchtigten Blauen Bataillon, bei einer Vergeltungsaktion getötet, ihre Tochter von ihm missbraucht und in den Tod getrieben worden war.

Als der General auf der Weiterfahrt den Sack mutwillig und ohne an die Folgen zu denken in einen Fluss stößt, kommt es zum Zerwürfnis mit dem Priester, den der General im Übrigen schon längere Zeit im Verdacht hat, mit der Witwe des Obersts ein Verhältnis zu haben.

Gegen Ende ist der Priester dem Roman irgendwie abhanden gekommen. Der General versucht vergeblich, mit ihm Kontakt aufzunehmen und sich über die Vertuschung seines Missgeschicks zu verständigen. Der Priester ist stets ausgegangen, einmal erscheint an der Tür seines vermeintlichen Zimmers eine entrüstete Dame. Auch beim Abflug wird der Priester nicht mehr eigens erwähnt, der General tritt in seiner prächtigen Uniform auf, während der Schneeregen „[u]nbeeindruckt vom traurigen Schicksal seiner Geschöpfe … weiterhin Tausende von Schleeflocken“ produzierte, „die er dann ins Verderben schickte.“ (295)

Ismael Kadare: Der General der toten Armee. Roman. Aus dem Albanischen von Joachim Röhm, Zürich 1/2004, 295 Seiten, Sprache: deutsch

Buchnummer MBBA: 6.124

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MBBA