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Pastoralentwicklung in der Militärseelsorge: „Evangelische Militärseelsorge. Ein Konzept kirchlicher Erwachsenenbildung“

Evangelische Militärseelsorge ein Konzept kirchlicher Erwachsenenbildung Evangelische Militärseelsorge ein Konzept kirchlicher Erwachsenenbildung

Teaser Der evangelische Pfarrer Kurt Hoffmann, der selbst Militärseelsorger und Dozent an der Fachhochschule der Bundeswehr in München war, legt im Chr. Kaiser Verlag ein Buch über Erwachsenenbildung in der Militärseelsorge vor, in dem er zeigen will, welche substantiellen Beiträge die Kirche in diesem Bereich bereits leistet sowohl innerhalb der evangelischen Erwachsenenbildung wie auch im Rahmen des Ausbildungssystems der Bundeswehr.

Als die Ausbildung vorwiegend funktionsbezogen war, versuchten viele Militärpfarrer, obwohl sie dafür nicht primär verantwortlich waren, die Defizite zu minimieren, die durch die Vernachlässigung einer Bildung im weiteren Sinn entstanden sind, etwa im Bereich Menschenführung oder Gesellschaftspolitik. Nach der Neuordnung von Bildung und Ausbildung in den Streitkräften leistete die Militärseelsorge weiterhin ihren Beitrag. Sie versteht sich auch als Teil der umfassenden Bildung in den Streitkräften, die sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten unterstützt, und versucht andererseits die theologische Perspektive in militärischen Alltag, militärische Entscheidungsprozesse und Bildungsvorgänge einzubringen. Denn da „das Evangelium Humanität impliziert und sie zugleich übersteigt, der christliche Glaube Interpretationsmuster der Sinndeutung und Sinnverantwortung tradiert, gehört die Vermittlung des Christentums auch zur Bildung und gewiss auch die Vermittlung der Bildung zum Auftrag der Christenheit.“ (262)
Das Buch hat nunmehr zwar schon vier Jahrzehnte auf dem Buckel, ist noch geprägt von der Situation des Kalten Kriegs und der Frage nach Besitz und Einsatz nuklearer Waffen, die an mehreren Stellen aufgeworfen wird. Es atmet den Geist der 70er Jahre, vor allem was die pastoralen Ansätze betrifft, und hier dürfte die Situation mit jener in der katholischen Kirche durchaus vergleichbar gewesen sein. Recht schön kommt das zum Ausdruck, wenn der Autor meint, dass die Hauptaufgabe des Theologen in einer militärseelsorglichen Gruppensituation vor allem darin besteht zu verhindern, dass die Teilnehmer zu sehr in kirchliche Phraseologie verfallen. Oder wenn er seiner Kirchenführung vorwirft, dass sie brennende Anliegen der Militärseelsorger „auf ihre Weise erledigt: aktenmäßig“ (257).
Nicht wenige Überlegungen sind dabei durchaus auch für die aktuelle Situation interessant. Das betrifft weniger die Erörterungen zur Legitimität soldatischen Handelns im Dienst am Frieden, die zwar heute noch aktuell sind, aber gesellschaftlich nicht mehr so kontrovers diskutiert werden. Interessanter sind seine Vorschläge für die Bildungsarbeit in der Bundeswehr, die nach drei allgemeinen Kapiteln über Erwachsenenbildung, Evangelische Erwachsenenbildung und Evangelische Militärseelsorge den umfangreichsten Teil des Buches ausmachen.
Dabei schöpfen seine überaus gut informierten und sorgfältig belegten Ausführungen vor allem aus den Ergebnissen und Debatten auf der Gesamtkonferenz der evangelischen Militärseelsorger 1973 in Bad Nauheim, die dem Thema „Militärseelsorge – ein Beitrag zur Erwachsenenbildung“ gewidmet war.
Zunächst sei es entscheidend, auf die Situation der Soldaten einzugehen. Dazu müssen die Militärseelsorger ihre Situation kennen und sich auch mit den Problemen auseinandersetzen, mit denen sie in Beruf wie auch im privaten Bereich konfrontiert sind: „Nur der über Milieu und berufsspezifische Probleme der Bundeswehr Informierte ist imstande, in sinnvoller Weise vom Glauben her zu raten und zu helfen.“ (79) Die Kirche biete den Soldaten an, mit ihnen über ethische Fragen ihrer Einsätze nachzudenken. Dabei geht es nicht nur darum, in die Lebenswelt der Soldaten einzutauchen, sondern es ist Aufgabe der Militärseelsorge, von einer theologisch fundierten Position aus auch kritischen Gedanken Raum zu geben unbequeme Fragen zu stellen.
Insbesondere ist Hoffmann der Ansicht, dass Militärseelsorger eine ganz spezifische Ausbildung im Bereich der Gruppenpastoral bekommen sollten, die nicht nur eine Methode unter vielen sei, sondern jene, die bei der Arbeit mit den Soldaten zu seiner Zeit am dringendsten gebraucht wird. Für diese Arbeit reichen die Aus- und Weiterbildung der Militärpfarrer in der bisherigen Form nicht aus: „Für die Aufgaben kirchlicher Gruppenseelsorge sind viele Militärpfarrer nur unzureichend ausgebildet. Ein Rückzug in den Religionsunterricht oder Aufgehen in vordergründigen Aktualitäten ist eine verständliche Reaktion.“ Nur eine stärkere Nutzung der spezifischen Bildungsangebote in diesem Bereich (wie sie von der Evangelischen Militärseelsorge an der Sozialakademie Friedewald auch angeboten würden), kann eine fruchtbare pastorale Arbeit gewährleisten. Dazu müssten aber auch seitens des Staates erst die notwendigen strukturellen Voraussetzungen geschaffen werden.
Dass der Gemeindegottesdienst der klassische Ort kirchlicher Bildung sei, wurde auch von der Bad Nauheimer Gesamtkonferenz hervorgestrichen, die zu dem Thema sogar eine eigene Arbeitsgruppe einrichtete: Im Gottesdienst werde v.a. religiöse und personale Bildung vermittelt, die Lebenshilfe bieten, sich gegen ein überforderndes Leistungsdenken wenden und „in der Liebe zu den Unsympathischen und Feinden“ (122) gipfeln. Allerdings merkt Hoffmann kritisch an, dass der Gottesdienst diese Maximalvorstellung gegenwärtig wohl kaum erfüllen kann. Auch die Predigt leistet nicht, was ihr nach wie vor im Rahmen des mittlerweile sehr intellektualistisch überfrachteten evangelischen Predigtgottesdienstes zugemutet wird. Eine Untersuchung unter Militärpfarrern hat gezeigt, dass sie in den meisten Fällen farblos sei und voll leerer Floskeln. Hier müsse gegengesteuert werden mit einem vielfältigen und zielgruppenorientierten Gottesdienstangebot. Gottesdienste sollen sich jeweils einem Thema aus der Lebenswelt der Soldaten widmen und etwa mit Filmen und Predigtgespräch arbeiten. Schon bei der Vorbereitung sollen möglichst viele Menschen eingebunden werden, die Laien auf verschiedenen Ebenen aktiviert werden. Beim Aufbau einer Gottesdienstgemeinschaft besteht die Schwierigkeit, dass im Gegensatz zu zivilen Pfarren die Fluktuation extrem hoch ist, nur zahlenmäßig weniger ins Gewicht fallendes Kaderpersonal bleibt längere Zeit an einem Standort. An sie und ihre Angehörigen richten sich spezielle Familiengottesdienste, die auf Kontinuität setzen.
Zentrales Element der Erwachsenenbildung ist der Lebenskundliche Unterricht, der samt Vorbereitungszeit etwa die Hälfte der Arbeitszeit der Militärpfarrer in Anspruch nimmt. Grundsätzlich wird er von den Wehrpflichtigen sehr gut angenommen. Er liegt in Deutschland in der Kompetenz des Staates, der die Militärseelsorge mit der Durchführung betraut, selbst aber die Vorgaben gibt. Hoffmann konstatiert hier durchaus unterschiedliche Interessen. Keinesfalls darf er so verstanden werden, dass die Militärseelsorge sich hier zum Erfüllungsgehilfen des Staates macht. Er ist aber auch nicht in erster Linie kirchliche Verkündigung, nicht Individualseelsorge im klassischen Sinn, sondern ein Dienst kritischer Solidarität, der kollektive Verwirrungen aufdecken hilft und sich, wie Graf Baudissin hervorgestrichen hat, in allen für Soldaten relevanten individual-, berufs- und gesellschaftsehtischen Problemen engagiert. Seine Grenze findet sie aus Baudissins Sicht dort, wo sie „über den individuellen Bereich hinausführt und die innere Entwicklung der Bundeswehr tangiert, zum Beispiel inhumane Führungstendenzen in Frage stellen würde.“ (161) Hoffmann sieht das anders, zur kritischen Solidarität gehört von ihrem Wesen her auch, „daß sie auch strukturelle Fehlentwicklungen zeigt“ (ebd.).
Wichtig sei dabei, eine zu große Stoff- und Problemfülle zu vermeiden und sich – gemäß den Kriterien evangelischer Erwachsenenbildung – auf Themen zu konzentrieren, die den Fragen und Lerninteressen der Teilnehmer entsprechen, nicht vorrangig jener der Institution (Teilnehmerorientierung), und dass vorrangig die fragwürdige Situation der Teilnehmer und das gemeinsame Bemühung um Lösung von Problemen vorrangig Thema des Unterrichts werden soll, nicht ein vorgegebener Themenkatalog (Problemorientierung). Zudem sei der Lebenskundliche Unterricht aus Sicht von Militärbischof Lehming nur fruchtbar, „wenn die emotionale, existentielle und auch die intellektuelle Betroffenheit der Soldaten erreicht werde.“ (179) Er soll kritisches und verantwortliches Denken wecken, mit divergierenden Anschauungen umgehen und Toleranz einüben.

Kurt Hoffmann: Evangelische Militärseelsorge. Ein Konzept kirchlicher Erwachsenenbildung, München 1980, 270 Seiten, Sprache: deutsch

Buchnummer: MBBA 15.551

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MBBA