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Erlebnisberichte von Militärseelsorgern: „Auf verlorenem Posten?“

Auf verlorenem Posten? Auf verlorenem Posten?

Im November 1939 wird der deutsche Kaplan Franz Maria Eich zum Marinestandortpfarrer von Wilhelmshaven ernannt. Die Einberufung trifft ihn völlig unvorbereitet, seine alte Haushälterin erleidet gar einen Nervenzusammenbruch. Der Bischof selbst habe ihn vorgeschlagen, weil er ihn für den am meisten geeigneten Mann hielt, erfährt er nachträglich. Dem jungen Seelsorger gelingt es, sich mit der Situation zu arrangieren und unter den Kameraden der Marine jene Anerkennung zu finden, die er für eine gedeihliche pastorale Arbeit benötigt. Im weiteren Verlauf des Krieges verschlägt es ihn in die besetzten Niederlande, auf Sylt, er überlebt die Kämpfe um Brest und gelangt schließlich in amerikanische Kriegsgefangenschaft, wo er sich als Kriegsgefangenenseelsorger zur Verfügung stellt. 

Nach vielen Jahren und nach dem Ende seiner beruflichen Tätigkeit als Religionslehrer entschließt er sich, seine Erinnerungen zu veröffentlichen – aus apologetischen Motiven, wie er selbst einräumt: Er möchte „aufzeigen, dass die Soldatenseelsorge nicht nur gerechtfertigt war, weil die Kirche sich ihrer Verantwortung gegenüber allen Menschen, wo sie auch immer zu leben gezwungen sind, verpflichtet wussten, sondern weil der Priester gebraucht wurde wie das tägliche Brot.“ (7)
So sind die Erinnerungen an Krieg und Gefangenschaft durchsetzt von Reflexionen über die Notwendigkeit von priesterlicher Seelsorge nicht nur zur Zeit des Nationalsozialismus, sondern auch in der Gegenwart des Autors. Er möchte zudem allen Militärseelsorgern insgesamt Gerechtigkeit widerfahren lassen, die damals unter besonders schwierigen Umständen gedient haben. Sein oberster Vorgesetzter Feldbischof Franz Justus Rarkowski kommt bei ihm – im Gegensatz zu Generalvikar Georg Werthmann – freilich nicht besonders gut weg, er hält ihn für liebenswürdig, aber einfältig und empört sich über seine Antwort in einer dringenden pastoralen Angelegenheit.
Bei aller Wertschätzung für den Löwen von Münster, Bischof August Graf von Galen, mit dem er auch persönlich zu tun hat, und den zahlreichen Priestern im KZ, hält er es pastoralstrategisch eher mit dem Osnabrücker Bischof Wilhelm Berning, der den Nationalsozialismus ebenfalls verabscheut, aber mit Klugheit und Geduld im Umgang mit deren Vertretern die Basis für die seelsorgliche Arbeit bewahren will.
In der Folge wird Eich genug Gelegenheiten bekommen, selbst die Tugend der Klugheit bzw. sein Vertrauen auf Gottes Führung in kniffligen Situationen unter Beweis zu stellen. Es sind pastorale Heldengeschichten, die er dem Leser in zahllosen Anekdoten präsentiert: wenn er schildert, wie er mithilfe des Konsums von Alkohol und Nikotin Türen für seine Arbeit öffnet, wie er mit zahlreichen Tricks die gottesdienstliche Versorgung sicherstellt und sich als Vorläufer späterer liturgischer Reformen sieht, wie er die ökumenische Zusammenarbeit vorantreibt, wie er schon mal der SS ein Schnippchen schlägt, ohne dafür zur Verantwortung gezogen zu werden, wie er mit einem konvertierten Juden das Ghetto in Amsterdam besucht, Hände schüttelnd und Süßigkeiten verteilend, wie er die berühmte Philosophin und spätere Märtyrin Edith Stein in ihrem Kloster trifft, wie er einen jungen Soldaten durch geschickte Intervention davor bewahrt, für Wehrkraftzersetzung zum Tod verurteilt zu werden, wie er nächtelang vor Hinrichtungen Trost spendet, wie er sich während der Belagerung von Brest bis zur Erschöpfung verausgabt und immer das geistliche Wohl der Menschen im Auge hat.
Wenn dieses es erfordert, zögert er nicht, sich auch in gefährliche Situationen zu begeben, etwa wenn er auf die unter Beschuss stehenden Inseln vor Brest fährt. Dabei hat er übrigens auch einen guten Rat für Zeiten ansteckender Epidemien parat: Es sei ja auch priesterliche Selbstverständlichkeit, trotz der Ansteckungsgefahr die Kranken zu betreuen.
Mit den Offizieren der Marine, mit denen er zu tun hat, kann er recht offen sprechen, sie stehen der Partei aus seiner Sicht meist eher distanziert gegenüber. Als nach dem Attentat auf Hitler die nationalsozialistischen Führungsoffiziere eingeführt werden, sorgt man seitens des Kommandos dafür, dass diese Funktion von einem ausgesprochenen Parteigegner ausgeübt wird, was Eich mit großer Erleichterung zur Kenntnis nimmt.
Am Ende ist die Titelfrage klar beantwortet: „Stand ich auf verlorenem Posten? Nein und tausendmal nein!“ (214), resümiert er angesichts seines seelsorglichen Wirkens, insbesondere der erfüllenden Erfahrungen als Kriegsgefangenenseelsorger in den USA.

Franz Maria Eich: Auf verlorenem Posten? Als Marinepfarrer im Zweiten Weltkrieg, Stein am Rhein 1979, 215 Seiten

Buchnummer MBBA: 15.508

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MBBA