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Nationalsozialismus und Religion: „Hitler’s Priests“

Hitler's Priests Hitler's Priests

Mit einem besonderen Aspekt des Ineinanders von kirchlichem und politischem Leben befasst sich das Buch von Kevin P. Spicer: Es beleuchtet die Biographien einiger Priester, die enge Beziehungen zur nationalsozialistischen Bewegung hatten und sich oft schon vor 1933 für sie engagierten. Insgesamt hat Spicer im Appedix 2 Daten von 138 Priestern zusammengetragen.

Die meisten dieser Priester sahen sich mit Sanktionen seitens der kirchlichen Vorgesetzten bis hin zur Bedrohung ihrer wirtschaftlichen Existenz konfrontiert, die überwiegende Mehrheit der Bischöfe lehnte eine öffentliche Parteinahme ihres Klerus für die NSDAP vehement ab.

Vielleicht der bekannteste dieser Priester war der deutschnational eingestellte Benediktiner Albanus Schachleiter, bis zum Ende des Ersten Weltkriegs Abt des Emaus-Klosters in Prag und innerkirchlich sehr geschätzt für seinen Einsatz gegen die Los-von-Rom-Bewegung. Seit den 20er Jahren bekannte er sich offen zum Nationalsozialismus und sprach wiederholt auf NSDAP-Veranstaltungen. Von der kirchlichen Leitung wurden ihm ohne großen Erfolg öffentliche Äußerungen untersagt, 1933 wurde er suspendiert, bekam dann eine monatliche Rente von der Partei und wurde mit einem Staatsakt unter Anwesenheit des Stellvertreters des Führers beerdigt.

Dem Pfarrer von Straßberg, Philipp Häuser, promovierter Theologe und Übersetzer der Kirchengeschichte von Eusebius, wurden sowohl von Kardinal Faulhaber und dann auch von Bischof Kumpfmüller Redeverbote erteilt. Von der anderen Seite wurde ihm von einer Parteimitgliedschaft aus Rücksicht auf die kirchlichen Autoritäten abgeraten, und er musste sich zudem von einer kurzzeitigen Tätigkeit als Lehrer an einer Nationalsozialistischen Oberschule auf Druck seiner Diözese zurückziehen. Im Entnazifizierungsprozess wurde er zu 5 Jahren Arbeitslager verurteilt und mit zehnjährigem Lehr-, Predigt- und Publikationsverbot belegt. Der Spruch wurde später abgemildert, er wurde auch wieder in den kirchlichen Stand aufgenommen, wohnte einige Jahre als pensionierter Pfarrer in seiner ehemaligen Pfarre und zog sich schließlich in ein Schwesternkonvent zurück.

Lorenz Pieper, Dr.rer.pol. mit einer Dissertation über die Lage von Bergarbeitern im Ruhrgebiet, wurde bereits in den frühen 20er-Jahren NSDAP-Mitglied und agitierte neben seiner Tätigkeit als Pfarrvikar für die Partei, bis er seines Amts enthoben wurde und man ihm jede politische Tätigkeit untersagte. Er arbeitete später als Anstaltsgeistlicher in Warstein, wurde aber schließlich 1942 zwangspensioniert, nachdem er gegen das NS-Euthanasieprogramm offen protestiert und Angehörige aufgerufen hatte, ihre Verwandten aus der Anstalt zu nehmen. Nach dem Krieg übernahm er für ein paar Jahre die Seelsorge in einem kleinen Ort, zu predigen und Beichte zu hören waren ihm allerdings dabei untersagt.

Der Priester Richard Kleine, Mitbegründer und Co-Leiter einer Gruppe nationalsozialistischer Priester und Verfasser von Schriften wie „War Jesus ein Jude?“ und „Die Bergpredigt als Kampfansage gegen das Judentum“, konnte nach dem Krieg wieder als Religionslehrer arbeiten, nachdem ihm wegen seiner vorbehaltlosen Parteinahme für den Nationalsozialismus seitens der Kirche zeitweise die Lehrerlaubnis entzogen worden war. Ein Entnazifizierungsverfahren hatte allerdings eine weitgehende Entlastung zur Folge, es wurde ihm zugutegehalten, dass er nie NSDAP-Mitglied gewesen sei und vor allem deshalb mit dieser Bewegung sympathisiert habe, um seine Kirche zu schützen.

Andere Priester verließen den kirchlichen Dienst endgültig, um nach 1933 im staatlichen Bereich bzw. in der NSDAP unterzukommen: Der Priester Josef Roth etwa, Verfasser der Schrift „Die Kirche und die Judenfrage“, gab 1934 seine pastorale Tätigkeit auf, wechselte erst als Religionslehrer an eine Nationalpolitische Erziehungsanstalt und wurde dann Abteilungsleiter im Reichskirchenministerium und war in dieser Funktion auch in Maßnahmen gegen die Katholische Kirche und Verhaftungen einzelner Priester involviert. Von den kirchlichen Vorgesetzten wurde er dafür nicht ausdrücklich gemaßregelt, trat auch nicht aus der Kirche aus. Er lebte die letzten beiden Jahre seines Lebens in Beziehung mit einer geschiedenen Frau und kam 1941 bei einem Bootsunfall am Inn ums Leben.

Albert Hartl, ein Freund Roths, verließ ebenfalls 1934 den kirchlichen Dienst, trat in die SS ein, heiratete und wurde schließlich Leiter der Amtsgruppe IV B im Reichssicherheitshauptamt (und damit formell Eichmanns Vorgesetzter). Nach einem Disziplinarverfahrens wegen sexueller Belästigung im Dienst kam es zur Versetzung zur Einsatzgruppe C in Ukraine. Ab 1943 arbeitete er wieder im RSHA in anderer Verwendung. Nach dem Krieg wurde in einem Entnazifizierungsverfahren als Kriegsverbrecher zu einer vierjährigen Gefängnisstrafe verurteilt.

Kevin P. Spicer: Hitler’s priests. Catholic clergy and National Socialism, DeKalb 2008, 369 Seiten, Sprache: englisch

Buchnummer MBBA: 15.511

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MBBA