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Militärische Erinnerungskultur: "Gedächtnisort der Republik"

Gedächtnisorte der Republik Gedächtnisorte der Republik

2021 ist im Verlag Böhlau eine umfassende Dokumentation der Baugeschichte des Äußeren Burgtors, der Vorgänge rund um die Errichtung eines Österreichischen Heldendenkmals im Äußeren Burgtor 1934 sowie der jüngsten Umgestaltung ab 2012 erschienen. Ein Bezug zur Militärseelsorge ergibt sich vor allem durch die sog. Krypta im rechten Flügel dieses Gebäudes, die die bis zur Profanierung im Jahr 2015 mehrere Jahrzehnte durch das Militärordinariat betreut wurde. Als Koautor des Artikels über die Krypta fungiert Stefan Gugerel, Militärseelsorger an der Theresianischen Militärakademie in Wiener Neustadt und an der Heeresunteroffiziersakademie in Enns.

Das Äußere Burgtor wurde in der Zeit nach dem Wiener Kongress im Rahmen einer (der sog. „kleineren“) Stadterweiterung als Teil der Stadtmauer und zugleich als Eingang zum Areal der Hofburg gebaut, die auf diese Weise einen weiträumigen Vorplatz erhielt. Die Planungsphase dafür kann man als durchaus turbulent bezeichnen, so kam etwa der Siegerentwurf eines Wettbewerbs 1817 dann doch nicht zur Ausführung, stattdessen setzte sich der Akademieprofessor Pietro Nobile mit seinen Plänen durch.

Mit dem späteren Bau der Ringstraße verlor das Heldentor seine ursprüngliche Funktion, ein tiefgreifende Umgestaltung oder sogar ein Abriss wurden in Betracht gezogen: Unter anderem legte Otto Wagner Entwürfe für die Vollendung des Kaiserforums vor, nach denen das Heldentor abgerissen werden sollte, weil es den Platz zerschneide und auch stilistisch nicht zu den übrigen Gebäuden passe.

Man entschied sich hingegen für Restaurierung und Erhalt, die „militärische Codierung“ des Gebäudes wurde durch das Anbringen von Lorbeerkränzen für die Helden des Ersten Weltkriegs auf der Fassade verstärkt (ursprünglich eine Initiative von Privatpersonen im Rahmen der Kriegshilfe).

In weiterer Folge gab es verschiedene erfolglose Initiativen zur Errichtung eines Armee- oder Heldendenkmals im Äußeren Burgtor. Schließlich gelang es der Vereinigung zur Errichtung eines österreichischen Heldendenkmals um Generalmajor Carl Jaschke – unterstützt von Heeres- und Finanzministerium – die erforderlichen Mittel aufzutreiben und eine Umgestaltung des Äußeren Burgtors nach den Plänen von Rudolf Wondracek anzustoßen – diesmal wurde der Siegerentwurf des entsprechenden Wettbewerbs auch tatsächlich ausgeführt. Im Gegensatz zu vielen konkurrierenden Entwürfen ließ Wondraceck die äußere Form des Gebäudes weitgehend unangetastet, er sah eine atriumförmige Ehrenhalle (ohne Dach) im Obergeschoß, monumentale Treppen als Aufstieg sowie mit der Krypta eine Art sakralen Raum im Erdgeschoß des rechten Flügels vor. Der Bildhauer Wilhelm Frass schuf die Figur des Toten Kriegers in der Krypta sowie Soldatenköpfe für die Stiegenaufgänge. Nach eigenen Angaben hinterlegte er eine handgeschriebene Botschaft unter die Figur des Toten Kriegers. Als am 18. Juli 2012 die Statue gehoben wurde, fand man tatsächlich dieses von nationalsozialistischem Gedankengut geprägte Schreiben, aber unerwarteterweise auch eine Art Gegentext, eine pazifistische Botschaft von Frass‘ Assistenten Alfons Riedel. Am 9. September 1934 findet die „Weihe“ des Heldendenkmals statt, u.a. mit Bundespräsident Miklas, Bundeskanzler Schuschnigg und Kardinal Innitzer – aus Sicht Anna Stuhlpfarrers ein „großangelegter Akt der Selbstpräsentation“, mit dem „das austrofaschistische System legitimiert werden“ sollte (211).

In den Jahren nach dem Ende der Besatzungszeit wurde die Krypta auch Gedenkort für die Gefallenen der Wehrmacht: Die Jahreszahlen 1939 und 1945 wurden in der Apsis der Krypta angebracht und Totenbücher mit den Namen der Gefallenen des Zweiten Weltkriegs aufgelegt. 1965 wurde der bisherige Kultraum für nichtkatholische Bekenntnisse in einen Weiheraum für die Opfer im Kampf für Österreichs Freiheit“ umgewandelt. Damit war für die nächsten zwei, drei Jahrzehnte in der offiziellen politischen Gedenkkultur offenbar ein gewisses Gleichgewicht hergestellt. Der Weiheraum fristete allerdings ein wenig beachtetes Dasein, war nicht sehr attraktiv gestaltet und im Gegensatz zur Krypta für die Bevölkerung gewöhnlich nicht zugänglich.

Erst ab 2002 erlangte das Heldendenkmal wieder größere öffentliche Aufmerksamkeit, als die jährlichen Proteste gegen das Totengedenken deutschnationaler schlagender Burschenschaften am Tag der Kapitulation NS-Deutschlands in der Krypta begannen. Auch das staatlich-militärische Gedenken am Heldenplatz sah sich zunehmender Kritik ausgesetzt, besonders das Wehrmachtsgedenken in der Krypta.

Das trug zum Entschluss bei, das Heldendenkmal umzugestalten und auch in die damit verbundene Kultur des Gedenkens einzugreifen: Die Totenbücher des Ersten und Zweiten Weltkriegs werden 2012 aus der Krypta entfernt und anlässlich der Hebung der Figur des Toten Kriegers die beiden verborgenen Botschaften entdeckt. Die traditionelle Kranzniederlegung am Nationalfeiertag fand in der Folge nicht mehr in der Krypta, sondern vor der Gedenktafel des Österreichischen Bundesheeres statt. Seit 2013 gibt es am 8. Mai eine Mahnwache des Österreichischen Bundesheeres für die Opfer des Nationalsozialismus vor der Krypta, und am Heldenplatz wird das Fest der Freude veranstaltet. 2015 wurde der Altar der Krypta profaniert, der Raum in der Folge für temporäre Ausstellungen verwendet. 2019 wird in der Ehrenhalle das Ehrenmal des Österreichischen Bundesheeres errichtet, das aus miteinander verbundenen Platten aus Streckmetall besteht. Auf ihnen ist das Hoheitszeichen angebracht, die Begriffe „Sicherheit. Einsatz. Frieden“ sowie die Widmung „Österreichisches Bundesheer – Gedenkt aller, die in Ausübung des Dienstes ihr Leben gelassen haben.“

Aktuell sieht die Militärhistorische Denkmalkommission zwei vordringliche Maßnahmen für die Zukunft des Areals: die Umgestaltung des Weiheraums und die Errichtung eines (zentralen) staatlichen Ehrenmals auf dem Heldenplatz.

Heidemarie Uhl/Richard Hufschmied/Dieter A. Binder: Gedächtnisort der Republik. Das Österreichische Heldendenkmal im Äußeren Burgtor der Wiener Hofburg. Geschichte – Kontroversen – Perspektiven, Wien u.a. 2021, 464 Seiten, Sprache: deutsch

Buchnummer MBBA: 16927

MBBA