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Karmel Karmel

Die dramatische Erzählung von Herbert Kuhn über die Weihnachtsfeier einer Gruppe von Offizieren mit ihrem Militärseelsorger im Zweiten Weltkrieg an der Ostfront erschien erstmals 1949. Die Mittelfront steht kurz vor dem Zusammenbruch, die Zahl der Verluste ist hoch, auch am Heiligen Abend warten 17 Tote der eigenen Einheit auf den Abtransport. Der Icherzähler, ein Kompanieführer, kurz zuvor mit dem Ritterkreuz für einen Einsatz ausgezeichnet, der 30 seiner Leute das Leben kostete, begibt sich widerwillig zur Offiziersweihnachtsfeier und kommt auf dem Weg fast durch eine Granate ums Leben. In die Zusammenkunft platzt der Militärpfarrer, der mit dem Kommandanten, einem Oberst, nicht gerade im besten Einvernehmen steht. Dennoch wird er von ihm gebeten zu bleiben.

Den Oberst schildert der Icherzähler als schönen Mann mit feminin anmutenden Zügen, von beträchtlicher geistiger Beweglichkeit, zugleich als von seinem Handwerk besessenen Karrieristen, von seinen Untergebenen teils verehrt, teils gefürchtet. Seine Liebesbeziehung zu einem jungen Leutnant verbirgt er kaum. Er sieht sich durch das unabhängige und furchtlose Auftreten des Pfarrers herausgefordert, es kommt zum feinen verbalen Schlagabtausch. In seiner Festansprache zeigt sich der Oberst von Ziel und Erfolg des Krieges noch fest überzeugt. Schließlich schlägt er eine Wette vor, durch die Gott Gelegenheit habe, sich „als Schenker und Schöpfer der Freude“ zu erweisen (31): Gott soll für die ersten zwei Stunden der Feier verantwortlich sein, er selbst für die folgenden beiden. Dann werde man sehen, wer seine Sache besser mache. Der Pfarrer erschrickt, nicht weil er eine Blamage fürchtet, sondern weil er den schrecklichen Folgen auf dem Hintergrund der biblischen Geschichte vom Wettbewerb zwischen Elia und den Baalspriestern am Berg Karmel sieht. Jahwe allein erweist sich dort als Gott und alle Priester des Baal werden am Ende getötet.
Der Pfarrer, der mit seiner großen, formlosen Nase, seinen abstehenden Ohren und seiner schäbigen Uniform Ziel des Spotts unter den Offizieren ist, greift die militärische Ausdrucksweise seiner Gesprächspartner auch in Bezug auf die pastoralen Aktivitäten in der Armee auf: „Warum soll ein Pfarrer nicht auch einmal einen Bunker knacken?“ (14). Er macht aber klar, dass er natürlich nicht selbst kämpft, sondern nur nachspringe, wo Gott schon den Sieg errungen hat, und dass es dabei in Wahrheit gar nicht um einen Kampf zwischen Gegnern geht, sondern um die Erkenntnis des eigenen schuldhaften Daseins, die auch dem Pfarrer, als ehemaligem Offizier, als bittere Erleuchtung zuteil geworden war. Noch wichtiger aber ist für ihn und seine Arbeit die Gewissheit, dass Gott jeden einzelnen Menschen liebt, unabhängig vom Ausmaß seiner Verworfenheit, und bis zum Ende jedem Einzelnen die Möglichkeit zur Umkehr offenhält. Worin die Schuld der Offiziere genau besteht, wird nur an wenigen Stellen angedeutet, konkrete Verbrechen werden nicht festgemacht, und wenn, dann ist mit wenigen Ausnahmen eher die Schuld am Tod der eigenen Soldaten im Fokus. Der Icherzähler, selbst von Gewissensfragen umgetrieben, verhält sich still und zurückhaltend, verzichtet aber darauf, den Bunker zu verlassen und scheint am ehesten von der Person und Position des Pfarrers beeindruckt. Die Welt, aus der jener sein Gebet schöpft, hat eine fast betörende Wirkung auf ihn.
Wie der Oberst zwischen Überheblichkeit, Ringen um die Gottesfrage, Verzweiflung und wachsender Schuldeinsicht hin- und hergerissen wird, wie er seinen Vorgesetzten, einen gefürchteten General, mit Offenheit und Respektlosigkeit vor den Kopf stößt, wie sich die Offiziere mit Alkohol und Prostituierten vergeblich zu betäuben suchen, wie die Situation immer unerträglicher wird, Aggressionen untereinander zunehmen und sie in ihrem Wahn und ihrer Verzweiflung Weihnachtslichter und Kreuz mit Waffengewalt zu bekämpfen versuchen, ist allemal lesenswert. Am Ende steht nicht der Karmel, sondern ein anderer Hügel im Mittelpunkt: Mit veränderter Stimme rezitiert der nach zwei Explosionen bewegungslos in den Flammen liegende Pfarrer die Stelle, in der Jesus einem der beiden Verbrecher, die mit ihm auf Golgotha gekreuzigt werden, zusagt, dass er heute noch mit ihm im Paradies sein werde. Wen er damit wohl meint, ist eine schöne, wenn auch nicht ganz unvorhersehbare Volte der an überraschenden Wendungen nicht gerade armen Erzählung.
Die auf der letzten Seite eingeführte Rahmenhandlung, in der berichtet wird, dass ein während des allgemeinen Zusammenbruchs aufgegriffener anonymer Offizier die ganze Geschichte im Todeskampf zumindest in Stichworten erzählt haben soll, kommt dagegen etwas hanebüchen daher. Sehr schön ist allerdings der Schlusssatz, der der Erzählung ausdrücklich eine symbolische Wendung gibt: „… weil mir, je länger ich mich mit diesen Aufzeichnungen beschäftigt habe, allmählich zur Gewissheit geworden ist, daß sie mehr bedeuten als den phantastischen und entsetzlichen Roman einer Nacht, nämlich – den Roman aller Nacht, die über alles Volk hereingebrochen ist.“ (147)

Herbert Kuhn: Karmel. Erzählung, 2. Auflage, München 1950, 147 Seiten, Sprache: deutsch

MBBA Buchnummer: 18099

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