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Militärseelsorge in der Literatur: "Der Beschenkte"

Der Beschenkte Der Beschenkte

In Barbara Königs Roman „Der Beschenkte“ erweist sich die heldenhafte Lebenshingabe eines Feldgeistlichen für deren Nutznießer als in späterer Folge gar nicht so leicht zu bewältigen: Drei junge Soldaten hatten gegen Ende des Zweiten Weltkriegs versucht, die Sprengung einer Brücke zu verhindern und wurden dafür von einem Militärgericht zum Tod verurteilt. Der bei der Aktion nicht beteiligte Seelsorger hatte sich freiwillig für die Hinrichtung gemeldet und auf diese Weise Mommsen, einem der drei Soldaten, das Leben gerettet. 

35 Jahre später wird Mommsen zu einer Gedenkfeier eingeladen. Wieder an dieses schon beinah vergessene Ereignis erinnert und den bohrenden Fragen eines Journalisten ausgesetzt, was er aus seinem geschenkten Leben gemacht und warum gerade er überlebt hat und nicht einer der beiden anderen, sieht er sich auch vor sich selbst zu einer Rechtfertigung gedrängt, die er nicht zu leisten imstande ist, weil ihm vor allem nicht einfällt, wie er seinem Leben den entsprechenden Sinn geben soll.

Der Frage des Journalisten, was denn sein Gewissen dazu sage, hilft Mommsen nicht weiter: Dass er seinen Vater nicht sterben hat lassen, sondern aufgrund von Gewissensbissen sich für eine Verlängerung seines Lebens entschieden hat, erscheint ihm selbst als das einzige wirklich Böse in seinem Leben. (106f.)

Seine Ehefrau, so intensiv mit der Neusortierung ihres Lebens beschäftigt, dass Mommsen zunächst eine Einschränkung ihrer psychischen Gesundheit vermutet, beobachtet, wie ratlos er Fragen nach dem Sinn seines Lebens gegenübersteht, und beginnt sich von ihm zu distanzieren. Nun bedauert er, dass sie die Chance vertan hatten, Kinder zu bekommen, während seine Frau bezweifelt, dass das an seinem Problem etwas geändert hätte.

Der recht hellsichtige Journalist bringt die Ausweglosigkeit der Situation während eines Gesprächs im Biergarten so prägnant zum Ausdruck, dass Mommsen ihn schließlich bittet aufzuhören:

„Erstens: Sie können nicht so weiterleben wie bisher, denn der Anspruch des Opfers fordert mehr. Zweitens: Sie können kein heiligmäßiges Leben führen, denn dazu reichen, verzeihen Sie, Ihre Gaben nicht. Drittens: Sie können sich nicht für einen anderen hinopfern, denn damit wäre die Schuld nicht beglichen, nur weitergegeben. Viertens: Sie können sich nicht das Leben nehmen, denn damit wäre die Tat des Paters ad absurdum geführt. Fünftens –
Bitte hören Sie auf.
Richtig. Sie resignieren. Das wäre natürlich noch eine Möglichkeit, aber gerade die können Sie sich am allerwenigsten leisten.“ (90)

In sehr schönen, lakonischen Passagen schildert König, wie Mommsen in diesem Zurückgeworfensein auf sich und sein dahintreibendes Leben mit Einsamkeit, Langeweile, schleichendem Unbehagen, Leere, Lebensangst und Entfremdung konfrontiert wird.

Der Tod erscheint ihm in dieser Phase weniger als verzweifelter Ausweg denn als große Verlockung. Doch ihre Nähe und jederzeit leichte Erreichbarkeit reduziert seinen Drang, ihr nachzugeben, die Eile „verliert sich“ (101).

Dann ein weiterer Versuch auszubrechen, der das Gefühl des Fremdseins noch verstärkt: Mommsen betrinkt sich und wacht in einem Zimmer auf, in dem vier junge Frauen Karten spielen. Er entnimmt ihrem Gespräch, dass er mit einer von ihnen Bekanntschaft geschlossen und ihr erzählt habe, er wolle nach den wenig erfolgreichen Versuchen, wirklich gut zu sein, endlich eine richtige Sünde begehen, um überhaupt etwas zu tun. Die Mädchen können damit nichts anfangen, eine sieht ihm ins Gesicht wie „einem seltenen Tier“ (103).

Auf einer gemeinsamen Reise des einander entfremdeten Ehepaars, die nicht wie von seiner Frau gewünscht in den Norden, sondern wie üblich in den Süden ans Meer geht – „[v]ielleicht […] damit er keine neuen Erinnerungen aufnehmen muß?“ (111) –, erfährt Mommsen schließlich doch noch die erhoffte Befreiung. In der Monotonie seiner Eindrücke und Erinnerungen und angesichts der bei aller nun eher beruhigenden Fremdheit physischen Präsenz seiner Frau und der Landschaft und Gegenstände am Urlaubsort erkennt er, dass er nur aufhören braucht zu hoffen, auf den nächsten Tag, den nächsten Schritt im Leben, die Ehe, den Urlaub usw. Plötzlich ist er zum Erstaunen seiner Frau von Heiterkeit erfüllt, ist es, „als ob er nach einem lebenslangem Witz endlich die Pointe begriffen hätte.“ (119)

Barbara König (1925-2011) ist in Reichenberg in Nordböhmen zweisprachig aufgewachsen. Sie war Mitglied der Gruppe 47 und arbeitete nach dem Zweiten Weltkrieg als Journalistin und später als freie Schriftstellerin in Deutschland.

Barbara König: Der Beschenkte. Roman, München 1980, 120 Seiten, Sprache: Deutsch

Buchnummer MBBA: 18887