Es handelt sich dabei nicht um ein neues Phänomen. Bereits während des Unabhängigkeitskrieges kämpften wohl Muslime auf Seiten der Revolutionäre, auch wenn das Religionsbekenntnis etwa der Personen mit arabischen Namen für diesen Krieg nicht sicher belegt ist. Während des 18. Jahrhunderts waren jedenfalls zehntausende afrikanische muslimische Sklaven in das Gebiet der heutigen USA gebracht worden. Muslimische Soldaten waren dann auch in den Kriegen des 19. Jahrhunderts im Einsatz. Ein besonderes Beispiel stellt das Schicksal des Konvertiten Hadj Ali dar: In den 1850er Jahren wurde er von der US-Armee als erfahrener Kameltreiber für ein Projekt rekrutiert, in dem man versuchte, Kamele in den extrem trockenen ehemaligen mexikanischen Gebieten einzusetzen. Als Hi Jolly gelangte er sogar in den Titel eines bekannten US-amerikanischen Volkslieds. Obwohl grundsätzlich erfolgreich, wurde das Projekt „Camel Corps“ in den Wirren des beginnenden Sezessionskriegs nicht weiterverfolgt.
Vom Ersten über den Zweiten Weltkrieg bis hin zu Korea- und Vietnamkrieg standen jeweils tausende amerikanische Muslime im Kriegseinsatz. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts traten Muslime auch als Wehrdienstverweigerer hervor, insbesondere Angehörige der einflussreichen „Nation of Islam“ unter Elijah Muhammad. Großes Aufsehen erregte die Weigerung des zum Islam konvertierten Boxers Cassius Clay/Muhammad Ali. Diese Haltung änderte sich unter Elijahs Sohn und Nachfolger W.D. Muhammad, der die Organisation an den muslimischen Mainstream heranführte. Er ermutigte Muslime, in der Armee zu dienen und zählte zu den prominenten Unterstützern des US-Einsatzes zur Rückeroberung Kuwaits 1990/1991.
Seiner Unterstützung ist es zu verdanken, dass 1993 der erste muslimische Militärseelsorger der US Army seinen Dienst antrat. Sicher hatte das aber auch damit zu tun, dass nach der Reform des Einwanderungsrechts 1965 mindestens eine Million muslimischer Migranten zusätzlich ins Land kamen, deren Söhne und Töchter dann nicht selten auch Soldaten wurden. Eine dieser muslimischen Soldatinnen wollte nach Absolvierung einer entsprechenden Ausbildung Anfang der 2000er Jahre als (erste muslimische) Militärseelsorgerin arbeiten, das wurde jedoch mit dem Hinweis auf Notwendigkeit eines männlichen Imams für die Leitung des Gebets für Männer und Frauen abgelehnt (mit einer ähnlichen Begründung also wie bei den katholischen Chaplains).
Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 nahm einerseits in der Armee das Misstrauen bzw. Vorurteile gegen muslimische Kameraden zu, andererseits opponierten manche muslimischen Militärangehörigen gegen die Kriege in Afghanistan und Irak. In Einzelfällen kam es zu Verrat bzw. zu einem Terroranschlag in einer Kaserne. Dennoch haben diese Entwicklungen nicht dazu geführt, dass Muslime massenhaft den Dienst quittiert hätten.
Heute sind rund 5000 Angehörige der US-Streitkräfte als Muslime registriert, dazu kommen wahrscheinlich noch einmal geschätzte 10000, die sich nicht registriert haben. Etwa 10% davon sind weiblich. Sie gehören der Gruppe der Schwarzen, Weißen, Asiaten oder Hispanics an, wobei erstere die größte Gruppe bilden. Curtis schildert am Ende noch beispielhaft den militärischen Alltag einiger Muslime, darunter die vom Christentum zum Islam konvertierte Chaplain’s Assistant Master Sergeant Laura Magee; den Kommandanten der 175th Mission Support Group auf der Warfield Air National Guard Base in Maryland, Col. Nashid Salahuddin, der während des Irakkriegs auch als Berater des irakischen Innenministers eingesetzt und dessen Familie Anhänger der Nation of Islam Elijah Muhammads war; oder Jibril Smythe, Staff Sergeant für das US Army Intelligence and Security Command.
Auch wenn nur 1-2 % der US-Bevölkerung muslimisch ist und der Anteil in den Streitkräften wohl noch geringer ist, üben Muslime heute wichtige Funktionen im militärischen Betrieb aus, und das Nachdenken über ihre jahrhundertelange Präsenz kann aus Curtis‘ Sicht u.a. dabei helfen, das einfache, aber gefährliche Denken von den Muslimen und ihrer Religion als Feind Amerikas zu vermeiden.
Edward E. Curtis IV: Muslim Americans in the Military. Centuries of Service, Bloomington, Indiana 2016, 88 Seiten
MBBA Buchnummer: 25376